Häufig gestellte Fragen

Die folgenden Fragen werden in diesem Teil beantwortet (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, wie Sie sehen werden):

  • Was ist forensische Linguistik (ganz kurze Antwort)?
  • Welche Rolle spielt KI?
  • Was sind die Voraussetzungen, die man braucht, um in der forensischen Linguistik zu arbeiten?
  • Warum sagt man "Authentizitätsfeststellung" und nicht "Urheberschaftsfeststellung" oder "Autorenerkennung" oder "-bestimmung" oder "Verfassererkennung" oder "-bestimmung"?
  • Was ist "Sprachprofiling"? Und "Autorenprofiling"?
  • Wie wird man Sachverständige/r bzw. GutachterIn für forensische Linguistik?
  • Wofür steht "öbuv"?
  • Wie findet man die "öbuv"-Sachverständigen? Wie ist die URL bzw. die Internet-Adresse der bundesweiten Datenbank aller öbuv Sachverständigen?
  • Wo im Gesetz ist die Bestellung der öbuv Sachverständigen geregelt?
  • Kommt es vor, dass ein inkriminierter Text und ein Vergleichstext (oder mehrere) von der Person vorliegen, die verdächtigt wird, den inkriminierten Text verfasst zu haben, und der Textvergleich führt zu keinem Ergebnis?
  • Welches ist das wichtigste Wort in der Authentizitätsfeststellung bzw. Autorschaftsbestimmung?
  • Was ist "Idiolekt"?
  • Wann sagt man "glaubhaft" und wann "glaubwürdig"?
  • Was ist der Unterschied zwischen Kriminalistik und Kriminologie?
  • Was sind die Teildisziplinen der forensischen Linguistik?
  • Kann KI Texte mit dem Idiolekt einer bestimmten Person generieren?
  • Was hat es mit den "Thormann'schen Treppenstufen" auf sich?
  • Die Geschichte der forensischen Linguistik
  • Welche Rolle spielen die Grice'schen Konversationsmaximen in der forensischen Linguistik?
  • Welche Rolle spielt das Gendern?
  • Welche grammatischen Bereiche werden bei einer Textanalyse untersucht?
  • Wie findet man den/die für einen speziellen Fall in der forensischen Linguistik geeignete/n Sachverständige/n?
  • Wie geht man bei einem Textvergleich vor? Wie packt man es an?
  • Welche grammatischen Bereiche werden bei eienr Textanalyse untersucht? Nur Syntax?
  • Wann sagt man "glaubhaft" und wann "glaubwürdig"?

Wenn Sie eine weitere Frage haben, kontaktieren Sie mich bitte: gutachten[AT]dr-thormann.de

Was ist forensische Linguistik (ganz kurze Antwort)?

Die Anwendung der Sprachwissenschaft zur Aufklärung von Straftaten.
Etwas genauer: eine Teildisziplin der Forensik und somit eine forensische Methode und außerdem eine Teildisziplin der angewandten Linguistik, auch "investigative Linguistik" oder „kriminalistische Sprachwissenschaft“ genannt.

Wie findet man die "öbuv"-Sachverständigen? Wie ist die URL bzw. die Internet-Adresse der bundesweiten Datenbank aller öbuv Sachverständigen?

https://svv.ihk.de

Wofür steht "öbuv"?

für "öffentlich bestellt und beeidigt"

Wo im Gesetz ist die Bestellung der öbuv Sachverständigen geregelt?

Gemäß § 404 (3) ZPO, § 73 Abs. 2 StPO und § 36 GewO sind - vereinfacht formuliert - öbuv Sachverständige von den Gerichten anderen Sachverständigen bzw. GutachterInnen, die nicht "öbuv" sind, vorzuziehen.

Was sind die Voraussetzungen, die man braucht, um in der forensischen Linguistik zu arbeiten?

Man sollte Linguistik studiert haben und computer-affin sein.

Wie wird man Sachverständige/r bzw. GutachterIn für forensische Linguistik?

Die Bezeichnungen "Sachverständige/r" und "GutachterIn" sind nach deutschem Recht nicht geschützt. Wenn ABER ein missgünstiger Mitbewerber ein Verfahren nach dem UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) gegen Sie (wegen unlauteren Wettbewerbs) einleitet, müssen Sie in dem dann anstehenden Gerichtsverfahren den Beweis Ihrer fachlichen Kompetenz führen und eine entsprechende einschlägige Ausbildung bzw. einen Studienabschluss in Linguistik nachweisen. Gesichert anerkannt sind die "öbuv" Sachverständigen (hier ein YouTube-Erklärvideo, u. a. auch dazu, wie man "öbuv" wird: https://www.youtube.com/watch?v=sOH9leKa_y4&html5=1 [Titel:  IHK24 - Sachverstaendige]).

Wie viel kostet ein Gutachten? Wie aufwändig ist ein Gutachten?

Zu den Kosten hier klicken.

Der Aufwand, auf dem ja der Preis beruht, teilt sich grob in vier Phasen bzw. Teile: 
a) erstes "grobes" Sichten der Texte bzgl. der Hypothese (ca. "des Verdachts"),
b) Vorarbeiten (Konvertieren, erstes simples Kodieren etc.),
c) die Text-Untersuchungen,
d) die Darstellung der Ergebnisse, also die Formulierung der Befunde im Gutachten-Text.

Was ist der Unterschied zwischen einem Gutachter und einem Sachverständigen (bzw. den weiblichen Pendants)?

Für beide gilt: Er/sie a) hat besondere fachliche Kompetenz auf einem bestimmten Gebiet, b) kann in Gerichtsverfahren, bei Behörden oder für private Auftraggeber tätig sein, c) stellt sein/ihr Fachwissen zur Entscheidungsfindung (typischerweise durch ein Gericht) bereit.

Ein kleiner Unterschied: Jeder Gutachter ist Sachverständiger, sofern er die nötige Expertise hat, aber nicht jeder Sachverständige ist automatisch Gutachter, solange er keine Gutachten erstellt, also nicht als Gutachter tätig und/oder nicht „bestellt“ ist. In den Gesetzen wird das Wort „Sachverständige/r“ verwendet, denn: Wenn man ganz pingelig ist, beschreibt „Gutachter“ die Tätigkeit (Gutachten erstellen), aber nicht unbedingt die Qualifikation; beim „Sachverständigen“ hingegen ist der (ggf. geprüfte) „Sachverstand“ in der Bezeichnung enthalten. 

Was sind die typischen Probleme?

Die typischen bzw. häufigsten Probleme sind:

  • Der Auftraggeber meint, er könnte das Gutachten bzw. ein bestimmtes Ergebnis "kaufen" (z. B. der/die Sachverständige würde zu dem Ergebnis "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" kommen, wenn der Auftraggeber mehr bezahlt, auch wenn die Textuntersuchungen keine Befunde für ein solches Ergebnis zeigen),
  • Der Aufwand wird unterschätzt; der Auftraggeber meint, die Textuntersuchungen und die Formulierung des Gutachtentextes wären in fünf Stunden möglich.
  • Der Auftraggeber zeigt bzw. schickt dem/der GutachterIn eine stark selektive Text-Auswahl, lässt Fakten weg, stellt Dinge (bewusst und vorsätzlich) falsch dar bzw. macht unzutreffende Angaben. Ein/e erfahrene/r Sachverständige/r bemerkt so etwas relativ leicht und wird es ablehnen, für einen solchen Auftraggeber ein Gutachten zu erstellen.

Warum sagt man "Authentizitätsfeststellung" und nicht "Urheberschaftsfeststellung" oder "Autorenerkennung" oder "-bestimmung" oder "Verfassererkennung" oder "-bestimmung"?

Weil da die Urheberinnen, die Autorinnen und die Verfasserinnen nicht genannt würden.
Kann man nicht das englische "authorship attribution" übersetzen?
Das wäre schön, aber bei der Übersetzung von "author" ins Deutsche ergibt sich das oben genannte Problem mit "Autor" und "Autorin", und "attribution" heißt ja "Zuschreibung"; ein prima Wort, aber die erste Hälfte des Kompositums stellt eben im Deutschen ein Problem dar.

Was ist "Sprachprofiling"? Und "Autorenprofiling"?

Dabei geht es nicht um den Vergleich von zwei Texten (typischerweise eines sogenannten inkriminierten Textes und eines Vergleichstextes, also eines Textes, den eine verdächtig(t)e Person tatsächlich einmal geschrieben hat), sondern es werden Informationen über eine/n Verdächtige/n bzw. TäterIn anhand seiner/ihrer Sprache erlangt. Über die sprachlichen Merkmale soll auf bestimmte Eigenschaften der Person (Herkunft, ggf. Muttersprache, Persönlichkeitsmerkmale, Sozialisation, Alter, Geschlecht, Ausbildung, Fachkenntnisse, Bildungsstand) geschlossen werden. Diese Disziplin verlangt auch Kenntnisse in Kriminalpsychologie. Man sagt heutzutage "Sprachprofiling" und nicht "Autorenprofiling", weil "die Autoren" im "Autorenprofiling" männlich sind und die Frauen nicht genannt werden.
Der Begriff "Sprachprofiling" ist als Synonym für Authentizitätsfeststellung (oder Autoren- oder Verfasser- oder Urheberschafts-Erkennung bzw. -Bestimmung) nicht geeignet, denn beim Sprachprofiling wird ein anderes Spektrum von Verfahren zur Untersuchung sprach­licher Auffälligkeiten eingesetzt, das speziell dafür geeignet ist, Eigenschaften einer Person zu erahnen, die beispielsweise einen anonymen Drohbrief verfasst hat, wenn kein konkreter Verdacht bezüglich einer Person oder Personengruppe vorliegt.

Welches ist das wichtigste Wort in der Authentizitätsfeststellung bzw. Autorschaftsbestimmung?

Idiolektal
das zweit-wichtigste Wort: idiolektal

Was ist "Idiolekt"?

Der (mündliche und schriftliche) Sprachgebrauch einer Einzelperson mit allen Eigentümlichkeiten und Vorlieben im Satzbau und in der Wortwahl, die u. a. aus Einflüssen von Sozialisation, Schul- und Ausbildung, Freundeskreis, Beruf, Fachwissen etc. resultieren und nicht mittels dezeptiver Strategien bzw. Verstellungsversuche und Textmanipulation verändert werden können. Am verlässlichsten findet man den Idiolekt in der Syntax, also im Satzbau.

Welche Rolle spielt KI in der forensischen Linguistik?

Das sind tatsächlich zwei verschiedene Fragen:

  1. Kann ein Krimineller seinen Text von KI verfassen lassen, um nicht erwischt zu werden (weil der Text nicht seinen Idiolekt zeigt)?
    bzw. 
    Kann KI Texte mit dem Idiolekt einer bestimmten Person generieren?
    >>> JA (siehe unten)
  2. Kann KI einen anonymen Verfasser identifizieren, also feststellen, ob ein inkriminierter Text und ein Vergleichstext von derselben Person verfasst wurden, also denselben Idiolekt aufweisen?
    >>> NEIN (noch nicht bzw. nicht bzgl. Syntax!)
     

Kann KI Texte mit dem Idiolekt einer bestimmten Person generieren?

Anders gefragt: Ist es möglich, dass jemand (ein Betrüger) KI (z. B. ChatGPT) verwendet, um sich einen Text erstellen zu lassen, der den Idiolekt einer bestimmten Person aufweist (auf Englisch nennt man das „authorship style transfer“)?

Beispiele:

Person A möchte Person B schaden, indem er/sie einen Text mit solchen Inhalten erstellt (bzw. mit entsprechenden Prompts von KI erstellen lässt), …

  • die üble Nachrede oder gar Verleumdung von Person A (oder einer anderen Person) darstellen;
  • (und im Internet veröffentlicht), die den Umsatz eines Unternehmens reduzieren sollen, indem die Produkte oder Dienstleistungen des Unternehmens schlechtgemacht werden
  • aufgrund derer Person B vom Arbeitgeber entlassen werden kann;
  • (und veröffentlicht) aufgrund derer der Ruf von Person B Schaden nimmt;
  • und an eine Behörde schickt, welche mit Überprüfung von B (oder dessen/deren Unternehmen) reagiert (meist bzgl. Compliance jeglicher Art, Hygiene etc.) bzw. reagieren soll;
  • die wie ein Text einer Behörde erscheinen, um den Ruf von Person A aufzuwerten oder gar Rechte zu verleihen;
  • dass der Text wirkt, als wäre er von einer bestimmten verstorbenen Person verfasst worden.

Hintergrundwissen:
Bei den Arten der Verstellung unterscheidet man folgende drei Arten:

  • dissimulatorisch:
    Der/die VerfasserIn ändert den eigenen Stil, um von sich abzulenken
  • simulatorisch:
    Der/die VerfasserIn versucht, den Verdacht auf eine bestimmte andere Person (oder Gruppe) zu lenken und deren Stil zu imitieren, wobei die Person oder Gruppe, auf die der Verdacht gelenkt werden soll, typischerweise andere Eigen­schaften hat (wird auch „behauptete Identität“ bzw. „Imitation des sprachlichen Verhaltens einer bestimmten Person“ genannt).
  • assimilatorisch:
    Der/die VerfasserIn übernimmt einen von einer anderen Person (oder Gruppe) verfassten Text (z. B. Protokoll, Schriftsatz, Zeugnis, Patentantrag, Produktbeschreibung) und ändert ihn ab in dem Bemühen, den Sprachstil an den eigenen Stil zu adaptieren bzw. ihn zu assimilieren (wie „abschreiben“; das Gegenteil der dissimulatorischen Verstellung).

Antwort: Bisher (Stand Oktober 2025) ist das noch nicht möglich, u. a. weil man die KI mit so großen Volumen an Text der zu imitierenden Person trainieren müsste, die normalerweise nicht zur Verfügung stehen. Außerdem sind Linguisten meist (noch) in der Lage, von KI und von Menschen erstellte Texte zu unterscheiden, weil KI (u. a. sprachlich) weniger kreativ ist und sich - anders als Menschen - auch schwertut, Ehrverletzungen oder Beleidigungen (bzw. üble Nachrede bzw. Verleumdungden) zu formulieren. Außerdem generiert KI  durchschnittlich kürzere Sätze, als Menschen es tun, und der Satzbau ist ziemlich gleichförmig. Und KI kann nicht einen Text generieren, der dieselben idiolektalen Fehler enthält wie der eines bestimmten Menschen, speziell syntaktischer Art. Genau darum geht es in dem Buch "Tatort Syntax" (hier klicken). 
Wenn es um die Frage geht, wie gut LinguistInnen erkennen können, ob ein Text von bzw. mit KI oder von einem Menschen verfasst wurde, ist allerdings zu beobachten, dass moderne KI-Modelle zunehmend darauf trainiert werden, Variation und stilistische Brüche einzubauen, damit die von ihnen erzeugten Texte nicht als „KI-Texte“ identifiziert werde.

Kann KI einen anonymen Verfasser identifizieren?

Genauer gefragt: Kann KI feststellen, ob ein inkriminierter Text und ein Vergleichstext von derselben Person verfasst wurden, also denselben Idiolekt aufweisen?

Antwort: NEIN (noch nicht bzw. nicht bzgl. Syntax!)

Woran merkt man, ob ein Text mit bzw. von KI erstellt wurde?

Die 10 Anzeichen dafür, dass ein Text von KI erstellt wurde:

  1. einfache Syntax, begrenzte Hypotaxe
  2. mittellange Sätze
  3. keine komplizierten syntaktischen Konstruktionen (kaum DD [Dependenz-Distanz], also kaum lange Satzklammer, Linksattributionen mit Partizip nicht länger als 4 Wörter), viele Relativsätze
  4. Redundanz (Aussagen werden mehrfach paraphrasiert)
  5. Floskeln, Inhaltsarmut, Allgemeinplätze
  6. Vermeidung überprüfbarer Details
  7. einheitliche Struktur(en), und zwar insgesamt und auch „kapitelweise“
  8. keine unklaren syntaktischen Bezüge
  9. keine bzw. kaum formale Fehler, kaum Kommafehler (Vorfeldkomma kommt allerdings vor)
  10. Asyndeta (Aneinanderreihungen [von mindestens drei Wörtern oder Satzgliedern – ohne Verbindung durch eine Konjunktion aufgezählt bzw. gleichgestellt)

Kommt es vor, dass der Vergleich eines inkriminierten Textes mit einem von der verdächtig(t)en Person früher einmal verfassten Vergleichstext (oder mehreren) zu keinem (belastbaren) Ergebnis führt?

Ja, das kommt vor, aber das sieht ein/e erfahrene/r LinguistIn meist beim ersten Sichten und nicht erst nach aufwändigen Untersuchungen.
Ja, es gibt Texte, die „nichts hergeben“, die keine konsistente sprachliche Ausprägung aufweisen, die einer bestimmten Person zugeordnet werden könnte, sondern eine bunte Mischung von verschiedenen Ausdrucksweisen.
Ich meine Fälle, bei denen es nicht um die Frage geht, ob sie mit bzw. von KI erstellt wurden; Texte bei denen KI keine Rolle spielte, sondern bei denen man – ganz im Gegenteil – sieht, dass sie nicht von oder mit KI erstellt wurden.
Es gibt auch – allerdings seltenerweise – Fälle, bei denen das Feststellen einer eventuellen Urheberschaft derselben Person sehr, sehr aufwändig (und folglich teuer) ist (und auch nicht unbedingt zu einem belastbaren Ergebnis führt).

Wenn ein inkriminierter Text mit einem Vergleichstext oder mehreren Vergleichstexten untersucht wird, können drei Szenarien eintreten:
a) Auffällige Gemeinsamkeiten springen sofort ins Auge.
Es gibt Fälle, in denen schon eine erste, oberflächliche Betrachtung zeigt: Die Texte teilen besondere syntaktische Muster, charakteristische Wortwahl, ungewöhnliche Kollokationen oder typografische und/oder orthografische Eigenheiten. Beispielsweise können idiosynkratische Satzkonstruktionen mit ungewöhnlicher Hypotaxe, unüblicher Kommasetzung oder wiederkehrenden Besonderheiten im Gebrauch bestimmter Wörter sofort ein starkes Indiz darstellen. Solche Merkmale können so auffällig sein, dass sich rasch eine Hypothese formulieren lässt: Es spricht einiges dafür, dass diese Texte von derselben Person verfasst wurden.
b) Gemeinsamkeiten zeigen sich erst durch intensive Detailarbeit.
Der Textvergleich weist auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten auf. Erst wenn man in die Tiefe geht – Hypotaxenstrukturen analysiert, Satzgliedfolgemuster, Wortstellungsvarianten quantifiziert, lexikalische Muster erfasst etc., zeigen sich Übereinstimmungen.
Hier muss also eine systematische, mehrstufige Analyse erfolgen, die wesentlich aufwändiger (und somit teurer) ist (siehe auch Buch „Tatort Syntax“). Nur durch solche detailreichen Untersuchungen lässt sich dann unter Umständen ein Ergebnis formulieren, dass die Texte wahrscheinlich von derselben Person verfasst wurden oder gerade nicht. Also: Mögliche Gemeinsamkeiten zwischen Texten festzustellen, bedeutet einen erheblichen methodischen und zeitlichen Aufwand.
c) Es lassen sich auch bei aufwändigen Untersuchungen keine Gemeinsamkeiten feststellen.
Es kann sein, dass die Texte eine Mischung aus verschiedenen sprachlichen Phänomenen (Ausdrucksweisen, Wortwahl, Syntaxmustern etc.), also nichts Einheitliches enthalten und dass daher keine Aussage über eine mögliche oder wahrscheinliche gleiche Urheberschaft möglich ist. Oder es wurden vom Verfasser dezeptive Strategien (Verschleierungstaktiken) angewendet (siehe Buch „Tatort Syntax“, Kapitel 3.2). Es gibt Fälle, bei denen auch nach detailliertem, mehrdimensionalem, mehrstufigem Textvergleich unter Zuhilfenahme aller Methoden und Tools keine Gemeinsamkeiten festgestellt werden können.

In meinem Buch „Tatort Syntax“ (https://tatort-syntax.de/, speziell Kapitel 4: „genaue Kodierung“) habe ich u. a. dargelegt, wie aufwändig solche Textuntersuchungen werden können und welche methodischen Werkzeuge hier zum Einsatz kommen.

Textvergleich ist nicht so ganz einfach, wie manche Menschen sich das vorstellen. Mit „einfach“ meine ich „simpel und nicht schwer“ und auch „schnell zu erledigen“. Ein einzelnes gemeinsames Merkmal oder selbst einige wenige gleiche Merkmale genügen nicht. Wenn etwa zwei Texte viele Passivkonstruktionen oder Konjunktive enthalten, bedeutet das noch nicht, dass sie von derselben Person stammen. Entscheidend ist nicht das häufige Vorkommen eines Merkmals, sondern das Zusammenspiel mehrerer bzw. – besser – vieler Merkmale, ihre Häufigkeit bzw. Systematik und vor allem ihre Abweichung von üblichen Mustern. Es ist also eine mehrdimensionale Analyse notwendig. Es reicht nicht, nur auf Oberflächenmerkmale (wie Anzahl der Fragezeichen oder Doppelpunkte) zu schauen; es müssen u. a. syntaktische Muster, Verschachtelungen (Hypotaxe, Linksattributionen), Satzgliedfolge und Wortstellungsvarianten, idiosynkratische Formulierungen etc. untersucht werden.
Erst eine systematische, kontrastive Analyse auf vielen Ebenen – Lexik, Syntax, Morphologie etc. – kann Hinweise auf eine gemeinsame Urheberschaft geben. Und selbst dann handelt es sich nicht um „Beweise“ im juristischen Sinn, sondern um Wahrscheinlichkeitsaussagen.
Zum Aufwand gehört meist auch zunächst  das (oft zeitaufwändige) Aufbereiten der Texte, das meist mit dem Konvertieren beginnt, bei dem es zu Konvertierungsfehlern kommt, die es zu beseitigen gilt (z. B. wird oft aus „rm“ ein „m“ oder umgekehrt, „ß“ statt „8“, „S“ statt „§“ oder „5“), für bestimmte Untersuchungen z. B. mit Konkordanzsoftware müssen sie in txt-Form vorliegen, die Texte müssen in Sätze segmentiert und kodiert werden, usw. usw..

Was sind die Teildisziplinen der forensischen Linguistik?

Knapp: Sprache als Streit- und Unter­suchungs­gegenstand + Rechtslinguistik, Kompetenzen der Kommunikationsbeteiligten + Wirkung von sprachlichen Äußerungen (spez. Texte), sprachliches Verhalten bei der Polizei und im Gerichtssaal + Sprache als Beschreibungs- und Schulungsgegenstand; weiter unten auf dieser Seite und hier als PDF zum Ausdrucken: PDF "Teildisziplinen der forensischen Linguistik".

Die Teildisziplinen, die tatsächlich in der Praxis als Sachverständige für forensische Linguistik vorkommen, sind diese: Häufige und typische Aufgaben bzw. Fragen in der forensischen Linguistik

Was hat es mit den "Thormann'schen Treppenstufen" auf sich?

Es geht darum, Hypotaxe, also die Satzkonstruktion mit Unter- und Überordnung von Sinneinheiten - oder simpel gesagt - die Abfolge von Haupt- und Nebensätzen, grafisch darzustellen.
Für eine ansprechende und leicht verständliche Darstellung der Ergebnisse quantitativer Untersuchungsverfahren bietet die deskriptive Statistik viele Möglichkeiten (u. a. Torten-, Mosaik-, Ring-, Netz- und Balkendiagramme, …). Damit auch die Ergebnisse qualitativer Verfahren, und zwar speziell die zur Hypotaxe im Satzbau, angenehmer zu „lesen“ und leichter zu verstehen sind, stelle ich das „Auf“ und „Ab“ bei der Hypotaxe so dar, dass es aussieht wie Treppenstufen. Rechts sehen Sie ein Beispiel, allerdings wären so kurze Texte „im Ernstfall“ viel zu kurz.

Hier ein ausführlicher Text über die "Thormann'schen Treppenstufen" (klicken)

Wie ist die Geschichte der forensischen Linguistik?

Geschichte der forensischen Linguistik  

Die forensische Linguistik ist eine vergleichsweise junge Disziplin, deren Wurzeln jedoch weit zurückreichen. Vor allem gab es die Rhetorik - mit ihren fünf Hauptfunktionen bzw. Rede-Teile: inventio (Thema), dispositio (Struktur der Rede), elocutio (Syntax und Wortwahl), memoria (Merk-Hilfen) und actio (Vortrags-Weise) – gab es ja bereits in der griechischen und lateinischen Antike, und zwar u. a. als schöne Kunst und zur Manipulation bzw. Überzeugung u. a. vor Gericht und in der Wissenschaft. Griechische Bühnenautoren und Redenschreiber bezichtigten sich gegenseitig des Plagiats und befassten sich folglich mit der Identifikation von Verfassern, also mit Praktiken, die später für die forensische Linguistik methodisch relevant wurden.

Im Jahr 1439 wies Lorenzo Valla nach, dass die Konstantinische Schenkung eine Fälschung war, wobei er sich unter anderem auf einen Vergleich des Lateinischen mit dem in authentischen Dokumenten aus dem 4. Jahrhundert verwendeten Latein stützte.

Der zentrale Teil „elocutio“ wurde als „Stilistik“ die Lehre vom Ausdruck der Gedanken und Lehre des sprachlichen Ausdrucks. Stiltheorien, -strukturen, -funktionen, -normen, -prinzipien, -muster wurden entwickelt und verglichen.

Kleist erklärte am Anfang des 19. Jahrhunderts, dass und wie Gedanken auch einfach erst beim Reden entstehen können. Dann ging es u. a. Augustus De Morgan um die Authentizität der Autoren der Bibel, und im späten 19. Jahrhundert wandte der Amerikaner Thomas Corwin Mendenhall linguistische und mathematisch-logische Methoden auf Werke u. a. von Shakespeare an, wobei er die Unterschiede jedoch primär über den Vergleich von Wortlängen feststellte.

Stephen Crane (1871-1900) schrieb 1895 den Kriegsroman The Red Badge of Courage, der im Sezessionskrieg bzw. amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) spielt. In den Jahren 1889 bis 1892 erschienen in der Zeitung New-York Tribune 17 andere Texte, die Stephen Crane zugeschrieben wurden. Literatur- und Sprachwissenschaftler, u. a. F. Bowers, V. A. Elconin, R. D. Altick und J. Berryman, fanden mittels „stylometrischer“ Methoden heraus, dass alle Texte von dem damals erst 20-jährigen Stephen Crane verfasst worden waren.

1923 terrorisiert ein Anonymschreiber die Polizei in Frankreich.

Im Jahr 1927 gab es eine Lösegeldforderung in New York. Die Associated Press berichtete in dem Artikel "Think Corning Girl Wrote Ransom Note", Duncan McLure, der Onkel eines entführten Mädchens, sei der einzige Verwandte, der den Namen 'McLure' statt 'McClure' schrieb. Der Brief, den er angeblich von den Entführern erhielt, war an ihn mit dem richtigen Namen adressiert, was darauf hindeutete, dass der Verfasser mit dem Unterschied in der Schreibweise vertraut war. Historiker hatten sich jahrzehntelang über die Urheberschaft von 12 der 85 „Federalist Papers“ den Kopf zerbrochen, politische Essays, bei denen es sich um rhetorische Meisterstücke handelt. Der Harvard-Professor Mosteller und der emeritierte Statistik-Professor Wallace aus Chicago setzten für Analysen bayesschen Statistik-Methoden ein und stellten in ihrem Artikel „Inference & Disputed Authorship: The Federalist“ fest, dass James Madison, der später Mitglied des ersten US-Kongresses wurde und entscheidend an den US-Grundrechten, der Bill of Rights, mit-formulierte, alle 12 Artikel verfasst hatte. Mosteller und Wallace gaben später, 1964, das viel beachtete Buch Inference and Disputed Authorship heraus.

1952 wurde der schwedische Priester Dick Helander zum Bischof von Strängnäs gewählt, später jedoch beschuldigt, eine Reihe von über hundert anonymen verleumderischen Briefen über andere Kandidaten an die Wählerschaft des Bistums Strängnäs geschrieben zu haben. Helander wurde zunächst wegen des Verfassens der Briefe verurteilt und verlor sein Amt als Bischof, wurde aber später teilweise rehabilitiert, nachdem die Briefe mit stilometrischen Methoden und u. a. be­züglich der Eigenschaften der verwendeten Schreibmaschinen untersucht wurden, Untersuchungen, von denen Helan­der selbst in den Jahren bis zu seinem Tod 1978 viele in Auftrag gab, was zur allmählichen Anerkennung stilo­metrischer Text­untersuchungen - neben der kriminaltechnischen Schreib­ma­schi­nen­analyse - und ihrem Wert als Beweismittel führte.

1963 war Ernesto Miranda in den USA wegen bewaffneten Raubüberfalles verurteilt worden. Er war in Berufung gegangen und hatte angegeben, dass er sein Recht, zu dem Zeitpunkt des Verhörs zu schweigen oder einen Anwalt zur Seite zu haben, nicht verstanden hatte. Das Berufungsgericht hob seine Verurteilung 1966 auf. Polizeibeamte sind verpflichtet, Verhafteten mitzuteilen, dass sie nicht aussagen müssen, und ihnen die Möglichkeit geben, einen Anwalt hinzuzuziehen, und dass alles, was der Beschuldigte sagt, im Gericht gegen ihn verwendet werden kann. Dieser Fall führte zu Diskussionen und Veröffentlichungen zum Thema „Verständlichkeit von Texten“ und zu den sogenannten „Miranda-Rechten“ in den USA.

In den späten 60-er Jahren schrieb der sogenannte „Zodiac-Killer“, ein Massenmörder in Kalifornien, verschlüsselte Mitteilungen und beschäftigte die Linguisten.

1968 verwendete Jan Svartvik, ein schwedischer Professor für anglistische Linguistik, als erster die Bezeichnung ,Forensische Linguistik', und zwar angewendet auf die Aussagen eines Falls in England: Timothy John Evans war von der Polizei von Notting Hill in England im Jahr 1949 wegen eines mutmaßlichen Mordes an dessen Frau und Kind vernommen worden, wurde verurteilt und gehängt. Der Linguist Svartvik stellte fest, dass die Ausdrucksweisen in den Protokollen etwas nicht stimmte und so nicht tatsächlich von Evans stammen konnten. Ausgelöst durch diesen Fall konzentrierte sich die frühe forensische Linguistik in Großbritannien auf die Gültigkeit der Protokolle von Polizeiverhören. Bei zahlreichen berühmten Fällen (z. B. die Verurteilungen von Derek Bentley, den Guildford Four, den Bridgewater Three usw.) wurde der Stil (Satzbau, Wortwahl etc.) in den Transkriptionen von Zeugenaussagen untersucht und die Authentizität von Polizeiaussagen in Frage gestellt.

Später (erst 1993) schrieb der amerikanische Linguistik-Professor Roger Shuy in seinem Buch „Language Crimes“ über die Sprache im Verhör und bei Geständnissen und forderte, dass Festgenommene befragt werden müssen, ob sie ihre Rechte usw. verstanden haben. Shuy zitiert einen Fall, in dem ein 15-jähriger Junge aus Houston, Texas, seine Rechte gelesen hatte und schließlich ein Geständnis für einen Mord unterschrieb. Nach der Analyse von Tonbandaufzeichnungen zwischen dem Anwalt und dem Kind kam der Linguist Shuy zu dem Ergebnis, dass der Junge, obwohl er oft sagte, er verstehe, was er gefragt wurde, es dennoch nicht richtig verstanden hatte. Die Schule des Jungen bestätigte, dass seine intellektuelle Kapazität etwa der eines Achtjährigen entsprach. So untersuchte Shuy, was „Verstehen“ bedeutet.

1973 wurde der reiche US-amerikanische Industrielle und Kunstmäzen Paul Getty in Italien entführt. Es gab linguistisch interessante Erpresserbriefe.

1978 begannen die Anschläge des später sogenannten Una-Bombers Theodore John „Ted“ Kaczynski in den USA, der Universitäten, Fluggesellschaften und Personen aus Wissenschaft und Technik als Träger einer zerstörerischen technologischen Zivilisation betrachtete, u. a. Briefbomben schickte. Erst 1996 konnte er festgenommen werden, denn Kaczynsi hatte einen Text geschrieben, das Manifest „Industrial Society and Its Future“ und darum gebeten, dass es vollständig in der New York Times und der Washington Post abgedruckt würde, was geschah. Sein Bruder David erkannte den Sprachstil seines Bruders.

In Australien trafen sich erstmals um 1980 Linguisten und sprachen über die Anwendung dieser Wissenschaft im Gericht. Aufgrund der dialektalen Unterschiede zu den Aboriginees war es nicht einfach, Befragungen und Verhöre durchzuführen, da sie ihren eigenen interaktionalen und kulturell bedingen Stil in das Gesprach einbringen. Dem australischen Linguisten Gibbons, Autor zweier wichtiger Bücher in der frühen forensischen Linguistik, „Language and the Law“ und „Forensic Linguistics: An Introduction to Language in the Justice System“, ging es u. a. darum, wie (bzw. ob) Zeugen und angeklagte Aboriginees die Gerichtsprozesse in Anbetracht der interkulturellen Unterschiede verstehen.

In Deutschland wurde 1991 der Säurefassmörder Lutz Reinstrom verhaftet, der Frauen in seinem Keller gefangen hielt und sie vor ihrem Tod zwang, Abschiedsbriefe an Verwandte und Bekannte zu verfassen, die er selbst aus Südamerika und den USA abschickte. Mit diesen „Lebenszeichen“ täuschte er vor, die Frauen wären ins Ausland verreist und lebten dort. Die Frauen hatten für sie untypische Ausdrucksweisen verwendet, damit die Leser bemerken würden, dass etwas nicht stimmte. Als Verwandte die Polizei darauf aufmerksam zu machen versuchten, wurden sie zunächst nicht ernst genommen.

1992 befasste sich die Linguistin Judith Levi in den USA mit den Unterschieden zwischen Umgangs- und Behördensprache. Es ging um Briefe des „Illinois Department of Public Aid" und deren Sozialleistungen, und diejenigen, die von der Forschung profitieren, waren alleinerziehende Mütter, die dann Beihilfe erhielten.

Die Aktivitäten in der forensischen Linguistik in Deutschland hatten primär durch den Linguistik-Professor Hannes Kniffka in den frühen 1970-er Jahren begonnen, der über 50 linguistische Gutachten u. a. für das BKA schrieb. Im Jahr 1993 organisierte er eine internationale Tagung zur forensischen Linguistik an der Universität Bonn. Im Jahr 1993 wurde auch der Verband IAFL gegründet, International Association of Forensic Linguists, u. a. von Prof. Dr. Malcolm Coulthard, der später (gemeinsam mit Alison Johnson) 2010 „The Routledge Handbook of Forensic Linguistics“ herausgab.

Es kam allmächlich international zu einer Ausdifferenzierung des Fachs. Neben der Autorschaftsanalyse wurden Verständlichkeit von Rechtstexten, Gesprächsführung in polizeilichen und gerichtlichen Kontexten, Mehrsprachigkeit im Strafverfahren und die Rolle von Sprache bei Drohungen, Erpressungen und Hate Speech wichtig.

1999 erschien das Fachbuch „Legal Language“ von Prof. Peter M. Tiersma, Jurist und Linguist, Professor an der Loyola Law School in Los Angeles.

In Österreich verübte 1995 ein Briefbombenattentäter im Namen einer Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA) rassistisch und völkisch motivierte Anschläge mit zahlreichen Brief- und Rohrbomben u. a. auf Migranten, Roma und Sinti.

1996 wurde Jan Philipp Reemtsma entführt, es gab einen Brief mit der Lösegeldforderung.

Nachdem Ronald Reagan als Gouverneur von Kalifornien gedient hatte, begann er 1975 mit wöchentlichen Radio-Kommentaren. Nachdem im Jahr 2001 an seinem 90. Geburtstag seine persönlichen Notizen veröffentlicht worden waren, wurde mittels forensischer Linguistik festgestellt, welche dieser Reden er selbst und welche verschiedene Mitarbeiter verfasst hatten.

Verschiedene deutsche Lebensmittelhersteller bzw. -Vertriebe erpresst. 2008 wurden Päckchen mit Pralinen und Nougatcreme von Ferrero vergiftet. Auch der Marmeladen -Produzent Zenttis wurde erpresst. 2013 wurde Aldi-Süd erpresst, und das sogenannte „Krümelmonster“ stahl den Bahlsenkeks und erpresste das Unternehmen. 2015 wurde die Handelskette Rewe erpresst. 2017 drohte ein 74-Jähriger Haribo mit der Vergiftung von Gummibärchen. Außerdem erpresste er die Unternehmen Lidl und Kaufland. Er forderte eine Million Euro in der Internet-Währung Bitcoin. In Dortmund wurden – zwecks Erpressung – Gläser mit Brotaufstrich in Lidl-Filialen  mit Gift versetzt. Ebenfalls 2017 hatte der sogenannte „Supermarkt-Erpresser“ fünf Gläser Babynahrung mit einem geruchlosen und süßlich schmeckenden Gift in einer tödlichen Dosis versetzt und in verschiedenen Geschäften in Friedrichshafen platziert. Anschließend forderte der Mann von verschiedenen Händlern insgesamt 11,75 Millionen Euro.

In den 2000er-Jahren wurden die Methoden der forensischen Linguistik zunehmend auch für Asyl- und Migrationsverfahren genutzt, u. a. zu Herkunftsbestimmungen. Das umstrittene forensische Instrument „Language Analysis for the Determination of Origin“ (LADO) wurde (ursprünglich vom Swedish National Laboratory of Forensic Science, SKL) entwickelt und eingesetzt, jedoch u. a. wegen Vermischung von Dialekt, Register, Mehr­sprachigkeitsauswirkungen stark kritisiert. Im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema ging es nun u. a. um Glaubhaftigkeit von Fluchtberichten bzw. Glaubwürdigkeit von Asylbewerbern, narrative Kohärenz,, die Diskrepanz zwischen gesprochener Sprache und verschriftlichter Protokollfassung und um den Einfluss von Dolmetschern (Omissionen, Normalisierung, Umformulierungen). Der Fokus in der forensischen Linguistik wurde ab ca. 2000 auch stark auf die institutionelle Kommunikation im Gericht und kritische Diskursanalyse gerichtet.

In den USA erschienen viel beachtete Bücher, u. a. von Prof. Roger Shuy (2006: Linguistics in the Courtroom) und das „Oxford Handbook of Language and Law.“ von Prof. Lawrence M. Solan, Linguist und Jura-Professor und Direktor des Center for the Study of Law, Language and Cognition an der Brooklyn Law School, und dem oben erwähnten Prof. Peter M. Tiersma.

Im Jahr 2012 wurde die Germanic Society for Forensic Linguistics (GSFL) gegründet.

2014 erschien das Buch „Forensic Linguistics“ von Jurist und Linguist John Olsson von der walisischen Bangor-Universität, der bereits 1994 das Studienprogramm Forensic Linguistics Intelligence (FLI) gegründet hatte und selbst in hunderten Fällen Ermittler, Anwälte und Unternehmen als prozesserfahrener Experte der Forensischen Linguistik tätig.

Um 2015 wurden wieder Theaterstücke von Shakespeare auf ihre Authentizität untersucht – mit einem Fokus auf durchschnittlicher Satzlänge, der Verwendung ungewöhnlicher Wörter und syntaktischer Komplexität.

Neuseeland: MacDonald P. Jackson, emeritierter Professor für Englisch an der Universität von Auckland, und Fellow der Royal Society of New Zealand hatte fast seine gesamte akademische Karriere mit der Analyse von Urheberschaftszuweisungen verbracht. 2016 schrieb er das Buch „Who Wrote ‚The Night Before Christmas‘? Analyzing the Clement Clarke Moore Vs. Henry Livingston Question“. Er setzte erstmals moderne computergestützte stilistische Methoden zur Autorschaftszuweisung, u. a. die statistische Analyse von Phonemen, ein und kam zu dem Schluss, dass Livingston der wahre Autor des Klassikers ist. Im Jahr 2017 behauptete der Linguist Simon Fuller (mit James O'Sullivan), dass der Krimiautor James Patterson nur wenig zu den mit verschiedenen Co-Autoren gemeinsam verfassten Werken beigetragen hatte.

In Italien analysierte im Jahr 2017 eine Gruppe von Linguisten, Informatikern und Wissenschaftlern die Urheberschaft von Elena Ferrante. Auf der Grundlage eines an der Universität Padua erstellten Korpus mit 150 Romanen von 40 Autoren verglichen sie Ferrantes Schreibstil mit dem von 39 anderen Romanautoren und behaupteten, dass Domenico Starnone der geheime Autor von Elena Ferrante sei.

2017 wurde die Österreischische Gesellschft für Rechtslinguistik (ÖGRL) gegründet, der u. a. bei seinen regelmäßig stattfindenden International Legal Linguistics Workshops (ILLWS) Linguisten und Juristen zusammenbringt.

Stilometrischer Textvergleich half 2018 Mark Glickman, Dozent für Statistik an der Harvard University, Ryan Song, einem ehemaligen Statistikstudenten in Harvard, und Jason Brown, Professor an der Dalhousie University in Nova Scotia, herauszufinden, dass der Beatles-Song „In My Life” höchstwahrscheinlich von John Lennon komponiert wurde, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass Paul McCartney den Mittelteil geschrieben hat, bei 50 % liegt.

2019 gelang es dem ETSO-Projekt „Stylometry applied to the Spanish Golden Age Theater” unter der Leitung von Álvaro Cuéllar González und Germán Vega García-Luengos (Universität Valladolid), mehr als 1200 Theaterstücke aus dem Goldenen Zeitalter Spaniens mittels stilometrischer Verfahren zu vergleichen. Die Zuschreibung von „Mujeres y criados” an Lope de Vega wurde bestätigt, es wurde jedoch festgestellt, dass der wahre Verfasser des Pérez de Montalbán zugeschrieben Stückes „La monja alférez” tatsächlich von Juan Ruiz de Alarcón war.

Die International Association for Forensic Linguistics (IAFL), die 1993 gegründet worden war, wurde 2021 umbenannt bzw. erweitert zur International Association for Forensic and Legal Linguistics (IAFLL).

In den USA machte sich Prof. Ronald Butters von der Duke University (North Carolina) einen Namen mit der von ihm gegründeten Unternehmen „Trademark Linguistics“

Studiengänge in forensischer Linguistik bzw. spezielle Ausrichtungen für forensische Anwendungen wie Phonologie, Korpus- und Computerlinguistik gibt es u. a. in England an den Universitäten Aston, Birmingham, Cardiff und Lancaster, in den USA u. a. an den Universitäten Hofstra, die University of Washington, die California State University und die Kennesaw State University, in Australien die Universitäten von Melbourne, Queensland, Sydney und La Trobe, in Neuseeland die Universitäten Massey, Canterbury und Auckland, in Europa u. a. die Universität von Montpellier, die Universität Süd-Dänemark und die Aarhus-Universität, die Universität Graz, die Ruhr-Universität Bochum, die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Summer School) und die HU und FU Berlin. An der TU Braunschweig gibt es seit 2015 für Germanistik-Studierende ein Seminar in forensischer Linguistik.

Die Qualifizierung bzw. Anerkennung von Sachverständigen für forensische Linguistik wird in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gehandhabt. In Deutschland unterscheidet man (bzgl. aller Sachgebiete) zwischen „öbuv“ Sachverständigen (öffentlich bestellt und vereidigt) und allen anderen. Für die „öbuv“ Sachverständigen gibt es eine bundesweite Datenbank (https://svv.ihk.de). Darin finden sich einige Sachverständige für Maschinenschriftuntersuchungen, Echtheitsprüfung von Urkunden und für Handschriftenuntersuchung (nicht „Graphologie“). Für forensische Linguistik (genau „Forensische Analyse deutscher Texte“) gibt es (seit 2010) nur eine Sachverständige.

Mit der zunehmenden Verlagerung der Kommunikation in digitale Räume (E-Mail, SMS, Messenger-Dienste, Social-Media-Plattformen wie Twitter/X, Facebook, Instagram, Telegram, TikTok) hat sich seit etwa 2010 ein neues wichtiges Anwendungsfeld der forensischen Linguistik herausgebildet: die Analyse extrem kurzer, häufig informeller Texte u. a. mit algorithmischen Surveillance-Methoden u. a. zu Urheberschaftsfragen bei Delikten wie Bedrohung, Erpressung, Beleidigung, Hate Speech, Radikalisierungsdiskursen und politischer Desinformation, speziell bei großen Textmengen und etwaigem Verdacht auf die Vorbereitung von Terroranschlägen. Dies erforderte eine methodische Neuausrichtung mit seriellen, korpusbasierten Analysen und stärkerer Interdisziplinarität von Linguistik, Statistik und Informatik. Interessant ist auch, ob sich eine Art „Internet-Slang“ und durch Social-Media-Algorithmen beeinflusste sprachliche Innovationen entwickeln.

In diesem Zusammenhang ist 2025 u. a. der acht Studien enthaltende Sammelband mit dem Titel „Forensic Linguistics in the Digital Era: Where Do We Go from Here?” der Ägypterin Nashwa Elyamany erschienen und das Buch „Algospeak: How Social Media Is Transforming the Future of Language“ von dem Harvard-Absolventen Adam Aleksic.

Was ist der Unterschied zwischen Kriminalistik und Kriminologie?

Bei der Kriminalistik geht es um Polizeiarbeit, also um die praktische Verbrechensverhütung und -bekämpfung und die Strafverfolgung.
Bei der Kriminologie geht es um die eher theoretische Erforschung der Ursachen krimineller Delikte mit Phänomenologie, Anomie (soziale Desintegration etc.), Kriminalstatistik, -soziologie, -psychologie, -psychiatrie, Viktimologie (Opfer-Lehre), Ätiologie (Lehre von den Ursachen kriminellen Verhaltens) etc.

Wie findet man den/die für einen speziellen Fall in der forensischen Linguistik geeignete/n Sachverständige/n?

Es gibt verschiedene Anbieter, die man leicht mittels Google-Suche findet. Wenn es Ihnen (und Ihrem Rechtsanwalt bzw. ihrer Rechtsanwältin) jedoch wichtig ist, dass der/die Sachverständige öffentlich bestellt und vereidigt ("öbuv") ist und Sie in der bundesweiten Datenbank für öbuv Sachverständige (https://svv.ihk.de) suchen bzw. nachsehen, werden Sie feststellen, dass Frau Dr. Thormann in Deutschland die einzige "öbuv" Sachverständige für forensische Linguistik ist (Stand März 2025; weitere Informationen hier).

 

Welche Rolle spielen die Grice'schen Konversationsmaximen in der forensischen Linguistik?

Man könnte fast von einem blinden Fleck sprechen: Die Grice’schen Konversationsmaximen – als fundamentales Prinzip sprachlicher Verständlichkeit und Kooperationsbereitschaft – sind im deutschsprachigen Raum relativ unbekannt geblieben. Glücklicherweise habe ich außer Germanistik auch Anglistik studiert und bin Grice’s Maxims of Conversation:The Principles of Effective Communication dort begegnet.

Während es zahllose Ratgeber für „gute Kommunikation“, „klare Sprache“ und/oder „leserfreundliches Schreiben“ gibt, die sich mit Checklisten und wohlmeinenden Empfehlungen Orientierung zu bieten bemühen, übersehen sie häufig, dass das Wesentliche längst gesagt ist – und zwar in vier einfachen, aber tiefgreifenden Maximen: Quantität, Qualität, Relation und Modalität (nach H. Paul Grice, 1975).

 

Diese vier Maximen bieten ein systematisches Raster mit theoretischer Tiefe und gleichzeitig prakti­scher Übertragbarkeit – auch und gerade auf schriftliche Kommuni­ka­tion. Denn obwohl Grice seine Maximen ursprünglich im Kontext gesprochener Sprache formulierte, lassen sie sich mühelos auf jede Form von Text anwenden, und VerfasserInnen profitieren von der Anwendung der Maximen oft unmittelbarer, als es viele Schreibtrainings oder Styleguides vermögen.

  • Die Quantitäts-Maxime fordert: Sage so viel wie nötig – aber nicht mehr.
  • Die Qualitäts-Maxime mahnt zur Wahrhaftigkeit: Schreibe nichts, wofür du keine Evidenz hast.
  • Die Relevantheits-Maxime (bzw. Relevanz-M.) fordert, dass jede Information zur zentralen Aussage, Absicht oder Wirkung der Äußerung beiträgt.
  • Die Modalitäts-Maxime fordert Strukturiertheit von Beiträgen, Klarheit, Ordnung und Verständlichkeit

Gerade in einer Zeit, in der „klare Kommunikation“ als Schlagwort durch Behörden, Unternehmen und Bildungsinstitutionen geistert, ist es erstaunlich, wie selten diese Maximen in der deutschsprachigen Kommunikationsberatung angeführt werden. Es gibt jede Menge Kriterienkataloge, stilistische Empfehlungen und modische Anglizismen („Plain Language“, „Storytelling“, „Nudging“). Dabei bietet das Grice’sche Modell alles, was man braucht.

 

Die Grice’schen Konversationsmaximen ersetzen Stilistik nicht, aber sie strukturieren und fundieren sie und sind auch für Zwecke der forensischen Linguistik wertvoll.

 

Auf Englisch: Grice’s Maxims of Conversation: The Principles of Effective Communication
 

  1. Maxims of Quantity (make your contribution as informative as required, but not more informative than necessary.)
  2. Maxim of Quality (be truthful)
  3. Maxim of Relation (be relevant)
  4. Maxims of Manner (be clear and unambibuous)
     
 

 

Welche Textsorten gibt es?

Im Kontext der forensischen Linguistik gibt es diese Textsorten:
Textsorten nach kommunikativen Funktionen

Welche Rolle spielt das Gendern?

Es gibt immer häufiger auf Authentizität zu untersuchende Texte, in denen "gendergerechte Sprache" verwendet wird. Da es viele Möglichkeiten des Genderns gibt, ist dies ein großes Gebiet.

Hier zunächst zur Belustigung ein paar Kuriositäten:

  1. Zu was das Gendern führen kann: Im letzten Monat gab es wieder drei tote Radfahrende durch unvorsichtig rechtsabbiegende Lastkraftwagen.
  2. Was juristisch kritisch sein könnte: Es ist dem Mieter nicht zuzumuten, dass Fotos von seiner Wohnung Unbekannten zugänglich gemacht werden. Kann man es der Mieterin zumuten?
  3. Zum Glück heißt es Mietshaus (nicht Mieterhaus) und Mietvertrag (nicht Mietervertrag).
  4. Es ist üblich, Bauherrin und nicht Baudame zu sagen; vermutlich wird es trotz einzelner anderslautender Wünsche dabei bleiben. Es gibt auch schon lange die Haus-/Schlossherrin.
  5. Angst ist ein schlechter Berater oder Angst ist ein/e schlechte Berater:in? Es ist die Angst.
  6. Was wird aus: Der Gast ist König? Der männliche bzw. weibliche Gast ist König:in? Oder – beschränkt auf die weibliche Person Die Gästin ist Königin? Der Duden führt (am 01. September 2023) „die Gästin“ auf.
  7. Aus Wer geht morgen zum Bäcker? wird Wer geht morgen zum Bäcker bzw. zur Bäckerin? bzw. besser Wer holt morgen die Brötchen?
  8. Konsequentes Nennen beider Geschlechter führt zu langen, umständlichen Formulierungen wie Ein Muttersprachler bzw. eine Muttersprachlerin würde einen solchen Satzbau-Fehler nie machen. und Der gewählte Spielpartner bzw. die gewählte Spielpartnerin sitzt jeweils gegenüber.
  9. Was wird aus Da braucht man einen Profi.? Das kann man nicht ersetzen durch Da braucht man jemanden, der das richtig gelernt hat., denn das wäre ja wieder maskulin. Also so: Da braucht man eine Person, die das richtig gelernt hat.? Und wie gendert man diesen Satz: Hier sieht man, wie jemand, der sonst eigentlich ganz souverän ist, wenn er so derart beleidigt wird, Fehler macht, die er sonst nicht macht.? (so: Hier sieht man, wie eine Person, die sonst eigentlich ganz souverän ist, wenn sie so derart beleidigt wird, Fehler macht, die sie sonst nicht macht.?) und Jemand/Jeder, der einen ganzen Tag diese Arbeit gemacht hat, wird am nächsten Tag seine Muskeln in Form eines heftigen Muskelkaters spüren. (so: Eine/Jede Person, die einen ganzen Tag diese Arbeit gemacht hat, wird am nächsten Tag ihre Muskeln in Form eines heftigen Muskelkaters spüren.)?
  10. Ist ein Satz wie Ich kann es nicht leiden, wenn jemand es nicht zugibt, dass er eine Grenze überschritten hat. umzuformulieren in Ich kann es nicht leiden, wenn eine Person (ein Mensch) es nicht zugibt, dass sie (er) eine Grenze überschritten hat.?
  11. Wie geht man mit einem solchen nicht „gegenderten“ Satz um: Manchmal möchte man in einem Gespräch nur feststellen, ob man mit seiner Meinung allein auf weiter Flur steht oder ob andere auch so denken.? Das Possessivpronomen seiner ist maskulin.
  12. Wie heißt ein weiblicher Häftling?
  13. Wie nennt man die weibliche Variante von Komposita, die zwei oder mehr maskuline Elemente haben? TischlerinnenGesellin? Bürger:innenMeister:innenStellvertreter:in?
  14. Historisch rückwärts gerichtetes Gendern führt zu Sätzen wie Im ersten Weltkrieg sind viele SoldatInnen gefallen. Und wenn jemand sagt Der König ließ am Tor eine weitere Wache aufstellen.: Ist (war) diese Wache männlich oder weiblich?

Zu den vielen Varianten des Genderns - jetzt ernsthaft - hier eine Auflistung in Tabellenform: PDF zum Downloaden

 

Wann sagt man "glaubhaft" und wann "glaubwürdig"?

Ein Mensch ist "glaubwürdig", eine Aussage "glaubhaft".

 

Welche grammatischen Bereiche werden bei einer Textanalyse untersucht?

Syntax, Morphologie, Orthografie+Interpunktion,Typografie

Merkwort "Loimst"
(anders geordnet: Lexik + Orthografie + Interpunktion + Morphologie + Syntax + Typografie)

  

Wie ist der Ansatz bei einem Textvergleich? Wie geht man vor? Wie "packt man es an"? Gibt es eine Merkhilfe?

Ja, es gibt eine Merkhilfe für die drei ersten Schritte (bei der am häufigsten vorkommenden Aufgabe in der forensischen Linguistik, dem Textvergleich mit der Frage "Wurde der inkriminierte Text von derselben Person verfasst, die auch den (die) Vergleichstext(e) verfasst hat?":
LIF
= Lesen (des inkriminierten Textes) mit grobem Kodieren + Identifizieren von Texteigen-schaften (des inkriminierten Textes) + 3. Fokussiertes Lesen des Vergleichsmaterials (Fokus, ob sich Eigenschaften des inkriminierten Textes auch hier finden)